Die Fehler der Anderen

Es gibt Situationen im Leben eines Motorradfahrers auf die wir, oberflächlich betrachtet, keinen Einfluss haben. Jemand nimmt uns die Vorfahrt. Jemand übersieht uns beim Abbiegen. Ein Auto zieht unvermittelt aus der Kolonne, die wir gerade überholen wollen. Auf die Handlungen der anderen Verkehrsteilnehmer haben wir erst mal keinen Einfluss. Dennoch können wir viele solcher Situationen entschärfen, indem wir ein paar Dinge beachten.

Sind wir mal für einen Moment realistisch: wir Motorradfahrer sind sehr verletzliche Verkehrsteilnehmer. Keine Knautschzone, schmale Silhouette (wir verschwinden ganz locker hinter der A-Säule eines Autos), hohes Beschleunigungspotential (überfordert viele Verkehrsteilnehmer bei der Einschätzung unserer Geschwindigkeit)… Das ist eine ungesunde Mischung und es nützt uns nichts, „im Recht“ gewesen zu sein, wenn danach jemand eine hübsche Holzkiste für uns aussuchen darf.

Es ist also wie so oft: wir müssen für die anderen mitdenken, uns defensiv verhalten und immer mit allem rechnen.

Was sich erst mal anstrengend anhört, geht irgendwann in Fleisch und Blut über. Man muss es nur konsequent durchziehen. Bei jeder Fahrt. Als grobe Anhaltspunkte habe ich hier mal die absoluten Klassiker skizziert.

  • Abstand halten
Abstand! Auch wenn es schwer fällt.

Ja, das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Allerdings erwische ich mich auch oft dabei, zu dicht aufzufahren. Irgendwie gaukelt einem die Fahrdynamik und die gute Übersicht auf einem Motorrad vor, weniger Abstand zum Vordermann (m/w/d) halten zu müssen. Allerdings ist das ein Trugschluss, denn unser Verzögerungspotiential ist schlechter als das eines Autos und was sich ein paar Wagen vor uns abspielt, sehen wir trotz der guten Übersicht nicht. Deswegen: lieber etwas mehr Abstand halten, denn plötzliche Notbremsungen des Vorausfahrenden können einem den Tag versauen.

Was uns zusätzliche Sicherheit gibt: wir fahren nicht mittig hinter dem vorausfahrenden Auto, sondern immer leicht versetzt. Sollte der Platz zum Bremsen doch mal knapp werden, können wir rechts oder links vorbei und knallen nicht mittig in das Heck. Davon abgesehen: wir sehen mehr!

  • Linksabbieger

Unser Fressfeind Nummer 1! Sei es, wenn ein Linksabbieger auf der Gegenspur steht und uns übersieht oder ein Linksabbieger in unserer Fahrtrichtung seinen Blinker schonen möchte.

Auf der Gegenspur: den Fahrer genau beobachten. Hat er uns gesehen? Haben wir die Sonne im Rücken, wie ein japanischer Kamikazepilot im Anflug auf einen US Flugzeugträger, und sind somit so gut wie nicht zu erkennen?

Wenn wir uns nicht sicher sind, ob wir gesehen wurden: Geschwindigkeit reduzieren, leichten Slalom auf der eigenen Spur fahren (Objekte in Bewegung sind besser zu erkennen), bereit machen zum Bremsen/Ausweichen.

Hat er/sie uns gesehen? Blickkontakt suchen! Alles unter einer Sekunde zählt nicht!

Auf der eigenen Spur: es gibt Verkehrsteilnehmer, die haben zwar die vorgeschriebene Anzahl an Spiegeln an ihrem KFZ, nutzen diese aber nicht. Und wer sich schon schwer damit tut, seine Umgebung im Auge zu behalten, der wird sich noch viel schwerer tun, einen Blinker zu benutzen. Auch hier gilt: wenn schon dumm, dann richtig dumm!

Und auch hier ist es wieder an uns dafür zu sorgen, dass uns keiner den Tag versaut. Vor uns fährt jemand langsamer, als es nötig wäre, ohne zu blinken und auf der linken Seite sind Parkplätze, Haltebuchten oder Straßen in die man abbiegen kann? Hinten dran bleiben, Abstand halten! Auch wenn es nervt. Die Wahrscheinlichkeit, dass vor uns gleich jemand unvermittelt abbiegt, ist hoch!

300 Meter „rumgegondelt“, dann ohne zu Blinken abgebogen. So kann das aussehen.
  • Vorfahrtstraße

Wie oben erwähnt: unser Vorfahrtsrecht nützt uns am Ende reichlich wenig, wenn wir eine Urne von innen betrachten können. Auch hier beobachten wir die anderen Verkehrsteilnehmer genau. Hat er uns gesehen? Wirkt er abgelenkt? Fixiert er nur den Verkehr auf der anderen Fahrspur? Bewegen sich die Räder? Gerade was das angeht: am besten wir beobachten die Vorderräder in Relation zum Untergrund. So fallen uns Rollbewegungen viel früher auf als wenn wir nur das Auto in Relation zum Horizont/Hintergrund beobachten.

  • Autos in Parkbuchten

Meine absoluten Lieblinge! Sie lauern auf uns Motorradfahrer wie Klapperschlangen im hohen Gras! Plötzliches losfahren, unvermitteltes Wenden, natürlich alles ohne Blinker! Generell sollten wir immer skeptisch sein, wenn ein Auto am Straßenrand steht und der Platz des Fahrers besetzt ist. Sind dann noch die Räder nach links eingeschlagen, wird es spannend! Wir verringern die Geschwindigkeit und machen uns bereit zum Bremsen/Ausweichen

Rücklichter an, Bremslichter an, die Räder schon leicht eingeschlagen. Der BMW ist geladen und entsichert! Auf Ausweichmanöver gefasst machen!
  • Wandergebiete/Ausflugsgebiete

Oft überschneiden sich die schönsten Motorradgebiete mit Wander- und Ausflugsgebieten. Vor allem an Wochenenden ist dort Vorsicht geboten! Viele Ortsfremde, die sich von Parkplatz zu Parkplatz hangeln, spontane Vollbremsungen und die berühmten „Ach gugg ma Schatz, da is noch ein freier Parkplatz“ Abbiege Aktionen. Auch vor „ich fahre ohne zu schauen von einem Parkplatz runter“ Manövern werden wir nicht verschont bleiben.

Dient nicht nur als Hinweis auf eine baldige Parkmöglichkeit. Uns dient das Schild vor allem als Warnung!

Da hilft nur: kühlen Kopf bewahren. Wir halten auch hier wieder schön brav unseren Abstand, machen uns auf alles gefasst, und wenn wir überholen, dann nur da wo wir uns sicher sein können, dass es keine spontanen Linksabbiege-Aktionen gibt.

  • Vorbeidrängeln an Ampeln

Etwas das ich persönlich nicht mehr mache. Frustrierte Autofahrer, umspringen der Ampel auf Grün, während wir uns noch vorbeizwängen, Verkehrsteilnehmer, denen einfällt vielleicht doch lieber die Linksabbiegerspur nutzen zu wollen und ein Fahrbahnverlauf, der sich eventuell als komplexer entpuppt als ursprünglich angenommen. Da sich solche Situation meist sowieso im Stadtverkehr abspielen und der Vorteil, den man sich erarbeitet entsprechend gering ausfällt, ist mir der Preis dafür einfach zu hoch.

  • Überholen von Kolonnen

Klar, wir mit unseren Motorrädern und dem damit verbunden Beschleunigungspotential sehen das entspannt. Mehrere Autos am Stück „wegschnupfen“ geht uns leicht von der Hand. Das Überholen von Kolonnen ist aber ein gefährliches Unterfangen. Denn so wie sich die Autos hinter einem langsam fahrenden Verkehrsteilnehmer stauen, so staut sich bei vielen auch der Frust darüber, hinter demjenigen herfahren zu müssen. Da wird dann aus einem wohlüberlegten Überholvorgang ganz schnell eine impulsive Entscheidung. Komplett ohne Blinker, Blick in den Spiegel oder Schulterblick.

Meine Rat um auf Nummer sicher zu gehen: Kolonnen nicht am Stück überholen, sondern, wenn überhaupt, Auto für Auto. Da ich mich daran aber selbst nicht immer halte: wir bleiben während dem Überholvorgang ausweich- und bremsbereit und achten darauf, dass unser Geschwindigkeitsüberschuss in einem Rahmen bleibt, der den anderen Verkehrsteilnehmern die Chance bietet uns rechtzeitig zu erkennen. Das gibt uns gleichzeitig die Möglichkeit, rechtzeitig auf ausscherende Fahrzeuge reagieren zu können.

Auch wenn es sich erst mal nach einer guten Idee anhört möglichst weit links zu fahren: wir entziehen uns damit den Blicken der Fahrzeuglenker in der Kolonne, da wir uns lange Zeit im toten Winkel bewegen und quasi nur mit einem Schulterblick zu sehen sind. Faustregel: wenn wir den Fahrer im Auto über SEINE Seitenspiegel sehen können, hat er auch die Möglichkeit uns zu sehen (wenn er sie denn benutzt).

Ich persönlich rechne bei jedem Überholvorgang mit dem plötzlichen Ausscheren eines Fahrezugs und werde leider oft genug bestätigt.

  • Stau

Der Stau! Nicht nur nervig, sondern auch gefährlich. Besonders für uns Motorradfahrer. Auffahrunfälle an Stauenden sind häufiger als einem lieb sein kann. Nicht immer mit katastrophalem Ausmaß, wenn z. B. jemand ungebremst in ein Stauende kracht, aber für uns, auf unseren Motorrädern, können selbst leichte Auffahrunfälle weit unter 20 km/h verheerend sein. Deswegen halte ich persönlich es so: ich schlängele mich zumindest die ersten 5-10 Autos durch den Stau, um mir eine Art Pufferzone zu schaffen. Ob erlaubt oder nicht spielt für mich keine Rolle, meine körperliche Unversehrtheit ist mir wichtiger als der Ruhepuls eines fahrzeugführenden Blockwartes, der sich ganz fürchterlich empört, dass ein Zweirad ihn im Stau überholt.

Ob man sich nach dem Aufbau der Pufferzone noch weiter durch den Stau schlängelt oder brav stehen bleibt, ist jedem selbst überlassen. Wenn man sich aber dazu entscheidet, sich weiter durch den Stau zu tasten: vorsichtig und langsam hindurch fahren. Von unachtsamen Spurwechslern bis hin zu Verkehrsteilnehmern, die absichtlich die Spur blockieren, ist in so einem Stau alles dabei. Immer bereit sein eine Vollbremsung hinzulegen und die Autos links und rechts im Blick behalten. Auch hier hilft es, die Vorderräder im Blick zu behalten. Sind die Räder schon so eingeschlagen, dass sie auf unsere „Fahrrinne“ zeigen, ist größte Vorsicht geboten!

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