Elektro auf zwei Rädern

Der Laie wird sich wundern und der Fachmann nicht schlecht staunen: ich persönlich halte Elektromobilität für die Zukunft. Wenn man mal kurz das Reptilienhirn abschaltet und Argumente wie „aber der Sound“ und „ich rieche das Benzin doch so gerne“ beiseite schiebt, dann muss man zu dem Schluss kommen: Elektromotoren sind einem Verbrennungsmotor aus technischer Sicht schlicht überlegen. Sattes Drehmoment ab der ersten Umdrehung, die ewige Lärmdiskussion hat dann (vielleicht) ein Ende, der nicht vorhandene Abgaskrümmer kocht im Sommer an der roten Ampel keine Eier mehr und wir fahren auch nicht länger mehrere Liter Benzin zwischen unseren Beinen spazieren. Ich muss immer wieder kichern, wenn ich daran denke, dass der beste Platz für den Benzintank wohl ZWISCHEN den Beinen des Piloten ist.

Das Benzin ist mir generell nen Schnuff zu nah an meinen Eiern

Dazu kommt noch der Wegfall zahlreicher Präzisionsbauteile (Kolben, Ventile, Kurbelwellen) und die erleichterte Wartung. Kein Ölwechsel, keine Ventilspielkontrolle, keinen Austausch der Kühlflüssigkeit. Dinge, die je nach Marke und Motorrad, richtig ins Geld gehen können. Ducati Fahrer werden jetzt zustimmend nicken.

Dennoch, bei all den Vorteilen gibt es für mich einen großen Knackpunkt bei den aktuellen Elektro Motorrädern. Die Reichweite und die unfassbar lästige Suche nach (funktionierenden) Ladesäulen.

Wenn ich mir mein Fahrprofil mit dem Motorrad mal so anschaue, dann komme ich recht flott zu dem Schluss: abgesehen von Fahrten zur Arbeit oder um Kleinigkeiten zu erledigen, geht unter 200 km pro Runde nur selten was. Und da liegt auch schon der Hase im Pfeffer. Mit viel Wohlwollen und ein Auge ganz feste zugedrückt, haben aktuelle Elektromotorräder eine Reichweite von ca. 150 km. Das heißt, ich müsste auf einer entspannten Tour also ganz sicher 1x Laden. Jetzt ist es natürlich so, dass ich da in den seltensten Fällen Zeitdruck habe, wenn ich unterwegs bin und man könnte ja sagen: gut, stell ich mich halt mal 45 Minuten an eine Ladesäule. Einen Kaffee trinke ich meist sowieso, wenn ich unterwegs bin und wenn das wetter passt, sind auch genug Leute unterwegs mit denen man ein gepflegtes Benzin…. äh… Elektro Gespräch führen kann.

Schöne Vorstellung. Aber, Stand heute, sind diese tollen Ladesäulen, gerade hier auf dem Land, eher selten an Tankstellen. Meist stehen die Ladesäulen in irgend einer Kleinstadt auf einem Gemeindeparkplatz. Kein Kaffee, keine anderen Motorradfahrer, eventuell und mit etwas Pech vielleicht ein VW e-UP der Stadtverwaltung, der einem die Ladesäule blockiert.

Mitten im Nirgendwo. Hoffentlich kommt kein Marder und knabbert am Kabel

Über was man sich auch in den seltensten Fällen Gedanken macht: konventionelle Zapfsäulen sind überdacht, was einem bei Regen eine kurze Verschnaufpause beim Tanken ermöglicht und man das Motorrad auch mal unterstellen kann, wenn man den Regen aussitzen möchte. Ladesäulen haben diesen Komfort in den seltensten Fällen. Die fehlende Möglichkeit einen Kaffee zu trinken habe ich ja bereits erwähnt.

Was auch immer wieder auffällt, besonders bei Reiseberichten von Elektromobillisten: defekte Ladesäulen. Denn nur weil man nach etwas rumgegurke eine der zwei Ladesäulen in Hintertupfing gefunden hat, heißt das ja noch lange nicht, dass diese auch so funktioniert wie sie soll. Und dann darf man, mit entsprechend wenig Restreichweite, erst mal das Handy zücken und schauen, wo denn die nächste Ladesäule steht. Und ganz fest hoffen, dass diese dann auch wirklich funktioniert.

Defekte Ladesäulen – ärgerlich

Was ebenfalls ins Auge sticht: die Ladezeiten. Diese schwanken, je nach Säule und Nutzung, sehr stark. Lädt die Säule mit >10 kW, dauert der Spaß bei einer Zero S/RS eine knappe Stunde. Läd die Säule, warum auch immer, nur mit 6 kW, dauert der Spaß eben entsprechend länger. Also auch hier ist die Planbarkeit des „Tankstops“ nicht wirklich gegeben. Was schade ist, denn gerade mit der eingeschränkten Reichweite und der (noch) schwach ausgebauten Lade-Infrastruktur muss man eben „Tankstops“ planen.

Der letzte Punkt der mich persönlich Wahnsinnig machen würde: das Anbieter-Wirrwarr. Es reicht nämlich natürlich oft nicht, der Ladesäule einfach seine Bank- oder Kreditkarte anzubieten. Nein! Natürlich wollen einige Anbieter auch gerne ihre eigene Kundenkarte, App etc. sehen. Für meinen Geschmack alles viel zu kompliziert. Falls das doch alles viel einfacher geht, und es da vielleicht so etwas wie ein „Universal-Konto“ gibt, lasst es mich bitte in den Kommentaren wissen!

Natürlich hat man den dreh auf den „Hausstrecken“ irgendwann raus. Man weiß wo die Ladesäulen sind, man weiß welche davon die „guten“ sind und natürlich hat man auch irgendwann rausgefunden, von welcher Ladesäule aus ein Café oder ein Bäcker fußläufig zu erreichen ist. Aber bei dem Gedanken daran, eine mehrtägige Reise mit einem Elektro Motorrad zu unternehmen, da wird mir ganz mulmig zumute.

Ein Kommentar zu „Elektro auf zwei Rädern

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