Warnwestenfahrer

Jeder hat sie schon einmal gesehen. Viele drehen in Fremdscham den Kopf weg, wenn ihnen dieses Laune der Natur über den weg fährt. Wahlweise in Neon-Orange oder Neon-Gelb gehüllt und oft mit einem Selbstbewusstsein unterwegs, das nur jemand haben kann, der sich freiwillig so ein Ding überstülpt. Der Sicherheit soll es dienen, vor allem der eigenen. Und man müsse sich doch, gerade in Zeiten wie diesen, schützen! Wir sprechen hier leider nicht von Kondomen, sondern von Warnwesten an Motorradfahrern. Den Preppern unter den Zweiradtreibern. Die menschgewordene Zip-Off Hose. Die Funktionsweste unter den Geschöpfen Gottes. Es ist einfach ein Elend. Aber wir müssen darüber reden.

Das Problem an Klischees und Vorurteilen ist, dass die meisten ja irgendwo ihren Ursprung haben. Also einen wahren Kern, der irgendwann mal dafür gesorgt hat, dass sich diese Vorurteile und Klischees überhaupt erst etablieren konnten. Das heißt natürlich noch lange nicht, dass diese Klischees und Vorurteile auf jedes Individuum dieser Gruppe zutreffen. Aber bei Warnwestenfahrern lege ich mich fest! Die ticken alle im gleichen Takt. Ich glaube auch, dass sich alle Warnwestenfahrer untereinander kennen und vernetzt sind. Wahrscheinlich nutzen sie dafür sogar Telegram. Es würde gut ins Bild passen.

Das Argument der besseren Sichtbarkeit wird vorgeschoben, um den eigenen Uniformfetisch ausleben zu können. Ach Jürgen… Als ob man deine BMW 1250GS nicht auch so gut genug erkennen würde! Jürgen, hinter dem Teil kannst du ohne Probleme einen Kleinwagen verstecken! Wenn der ganze Koffer- und Topcase Schnickschnack noch dran gebaut ist (als ob er jemals abgebaut gewesen wären, hahaha), sogar ein Mittelklasse SUV! Versuch dir den leuchtenden Fetzen Kunstfaser nicht schönzureden!

*Symbolbild* Ohne die Warnweste würde man hier nur das Garagentor sehen

Was man auch oft hört: „Ja, das war der Kompromiss mit meiner Frau. Ich darf nur mit der Weste fahren, damit mich keiner übersieht“. Man Jürgen (wir bleiben jetzt einfach bei dem Namen)! WACH AUF! Mach dir nichts vor. Wenn deine Frau wirklich möchte, dass du mit dieser Weste fährst, dann aus reiner Boshaftigkeit! Sie will dich zum Gespött der Nachbarschaft machen. Dich gesellschaftlich von der Klippe stürzen! NIEMAND, der dir so eine Weste empfiehlt, meint es gut mit dir! NIEMAND! Das ist der „du musst in die Stiefel Pinkeln“ Trick für Zweiradfahrer. Eine Art Intelligenztest, und wenn du das Ding anziehst, bist du durchgefallen. Einen Stempel brauchste dann gar nicht, den haste dir ja selbst angezogen.

Vielleicht ist dieser Warnwesten-Tick aber auch etwas tiefer sitzendes. Ein Trauma aus der Kindheit. Vielleicht als Schülerlotse abgelehnt worden? 3x nacheinander durch den Fahrradführerschein gerasselt? Vielleicht 2-12 mal zu oft vom Wickeltisch gefallen? Man weiß es nicht, man kann es nur vermuten.

Wenn diese Sichtbarkeitsfetischisten wenigstens nur sich selbst damit behindern würden. Aber nein! Jedes Mal, wenn so eine Warnwestenrotte auf einem Parkplatz steht, durchfährt mich ein kurzer Ruck bis tief in die Eingeweide: „Fuck, die örtliche Miliz!“. Aber nein, es ist nur der GS-Club Schwabenländle e. V., der sich auf dem Parkplatz gegenseitig an der Warnweste rumzuppelt. Eine Art Modenschau für geistig umnachtete. Und der Laufsteg ist der Parkplatz.

Auch wenn der links nen schnuff zu stolz auf sein Westchen ist: da gehören die Warnwesten hin.

Noch besser, wenn eines dieser Lämmer seine Herde verliert und einsam am Straßenrand steht. Mein erster Impuls: ach, der hat ne Panne. Gehste helfen. Warum sonst sollte man auch mit einer Warnweste am Straßenrand stehen? Aber natürlich hat Jürgen keine Panne. Jürgen hält nur kurz, um das neueste Update auf das Navi seiner BMW GS per Satelliten-Link (gibt´s gegen Aufpreis) zu laden. Wobei man natürlich sagen muss, dass mich in diesem Fall wieder einmal meine Naivität bestraft hat. Wie zum Teufel sollte ICH, ausgestattet mit einem Bordwerkzeug, welches aus 3 Inbus-Schlüsseln und viel Optimismus besteht, einem warnwestentragenden GS-Fahrer bei einer Panne helfen können? Herr im Himmel, der hat in einem seiner Seitenkoffer wahrscheinlich einen kleinen Mechaniker sitzen und mehr Werkzeug dabei als eine Fachwerkstatt! Es ist nicht unwahrscheinlich, dass im Topcase eine komplette Ersatzmaschine untergebracht ist! Und selbst wenn nicht, ein kurzer Post in der Warnwestenfahrer-Telegramgruppe (ich glaube wirklich, dass es die gibt) und die neongelbe Horde rollt an. Der ADAC ist dagegen eine schlecht aufgestellte Laientruppe!

Der Gedanke, dass Jürgen vielleicht der Sprit ausgegangen sein könnte, ist beim betrachten der Fakten ebenfalls albern. Zum einen hat Jürgen GS, mit allen Zusatztanks, eine Reichweite auf die ein Eurofighter neidisch wäre. Zum anderen geht einem Warnwestenfahrer das Benzin nicht aus. Der Tank eines Warnwestenfahrers ist nie leerer als halb voll. So will es das Gesetz!

Was auch auffällig ist bei Warnwestenfahrern: nach ihnen kommt oft eine beachtliche Schlange mit Autos. Wenn auf einem Schild 80 km/h steht, stellt der Warnwestenfahrer seinen Tempomat auf 76. Aus Prinzip. Und wegen der Sicherheit natürlich. Allein schon der Fakt, dass sich hinter einem ausgewachsenen Motorrad Autos stauen, ist einfach nicht hinnehmbar. Wäre der Warnwestenfahrer ein Pferd, er wäre schon Leim. Ein Akt der Gnade für alle beteiligten.


Deshalb hier mein Appell an alle die mit dem Gedanken spielen, beim nächsten Baumarkt Besuch so ein Fetzen Polyester für 2,99€ in den Einkaufswagen zu packen: tut euch und eurer Umwelt einen gefallen, und lasst es. Denn nicht ihr besitzt dann die Warnweste, die Warnweste besitzt euch. Kauft für das Geld lieber Kondome. Bitte!

2 Kommentare zu „Warnwestenfahrer

  1. Haha, jede Wahrheit braucht eine/n Mutige/n, die/der sie ausspricht.
    Eine Frage, die mich kürzlich ebenfalls umtrieb: wann wurde Warnweste eigentlich zu einer Standardausstattung – ich dachte die Neon-Phase und die 1980er Jahre wären vorbei – und was wurde aus dem klassischen Schwarz (gerne mit reflektierenden Applikationen)?
    Wichtig ist gesehen zu werden aber viel wichtiger ist vorausschauend zu fahren und grundsätzlich ALLEN Unachtsamkeit und DUI zu unterstellen und am wichtigsten: Transparenz schaffen! Anzeigen, was man vorhat, bevor man es bereits macht (oder gerade beendet)…
    #blinken
    Vielleicht ist es aber auch das Nichtvertrauen in das eigene Können: wenn was schiefgeht, bin ich bereits bestens vorbereitet 😉

    Gefällt 1 Person

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