Motorradlärm und Fahrverbote

Motorradlärm. Eine seltsame Wortschöpfung. Spielt für mich in der gleichen Liga wie „Orchesterkrach“ oder „Konzertkrawall“. Für mich ist dieser sogenannte „Motorradlärm“ Musik! Eine technische Meisterleistung, das Zusammenspiel von Mechanik, Physik und Chemie und die daraus resultierenden Symphonie! Aber nur, weil das für mich so ist, muss es ja noch lange nicht für andere so sein. Wenn mein Nachbar samstags um 08:00 in der Früh die Kreissäge anwirft, spielt es für den vielleicht auch in der Liga eines Geigenkonzerts, mich weckt es halt einfach nur unsanft auf. Es ist wie so oft im Leben: Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall. Und wenn jeder etwas Rücksicht auf den anderen nimmt und vielleicht den eigenen Komfort nicht über alles andere stellt, dann kommt man wahrscheinlich gut miteinander aus. Bei meinem Nachbar mit der Kreissäge heißt das: bin ich halt samstags etwas früher wach.

Wenn man sich aber zurzeit durch verschiedene Artikel liest, die sich dieser Thematik annehmen, könnte man meinen, man versucht sich Gegenseitig im Hass gegen Motorradfahrer zu übertreffen. „Rücksichtslose Raser“… „Rüpelhafte Rowdys“… „Rasende Rocker“… Man kommt sich vor wie bei RTL zur besten Sendezeit.

Mir ist natürlich klar, warum man entsprechende Artikel und die dazugehörigen Schlagzeilen mit solchen Provokationen spickt. Es geht um Klicks und Userinteraktionen. Ein kostenloser Artikel im Internet, der viele Klicks hat und die Kommentarsektion förmlich brennt, ist viel mehr wert als ein Artikel, den man ohne Werbung für lumpige 1,59€ verkauft hätte. Es ist halt im Moment die Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Und bei manch einem Schreiberling spielt vielleicht auch die ganz persönliche Abneigung gegen Motorräder und deren Fahrer eine Rolle. Vielleicht hat ein Motorradfahrer mal die Frechheit besessen, und sich in einem Stau an ihm vorbeigeschlängelt. Da kann man schon mal zum Motorradhasser werden, klarer Fall. Aber ich will hier nichts unterstellen #zwinkersmiley.

Natürlich ist auch meine Sicht auf das Thema gefärbt. Ich fahre gerne Motorrad, ich fahre viel Motorrad, und ich fahre auch oft auf beliebten Strecken Motorrad. Natürlich fühle ich mich involviert, wenn gegen Motorradfahrer gewettert wird. Auch wenn ich darauf achte, möglichst so zu fahren, dass sich niemand durch Lärm belästigt fühlt. Aber selbst wenn man mit 40 km/h im 5. Gang, mit Serienauspuff auf einem eh schon leisen Motorrad durch eine Ortschaft (kann man 10 Häuser an der Straße schon eine Ortschaft nennen?) rollt, manche Anwohner schauen einen an, als ob man der Teufel persönlich wäre.

Der Hass und die Missgunst sitzt bei einigen so tief, eine Unterscheidung, wer jetzt Krach macht und wer nicht, findet oft gar nicht mehr statt. Wenn man ein Motorrad erspäht, hat das der Feind zu sein. Fertig. In anderen Bereichen unseres Lebens wäre dieses „alle über einen Kamm scheren“ von bestimmten Gruppen rassistisch, sexistisch, Bodyshaming, Diskriminierung von Minderheiten oder sonst was… Aber wenn es um Motorradfahrer geht, ist das OK. Scheinbar auch in der Presse.

Klar, wir setzen uns ja auf freiwillig auf die Motorräder. Es zwingt uns keiner. Seine Herkunft hingegen kann man sich schlecht aussuchen, genauso wenig wie seine sexuelle Orientierung. Aber so wie es nicht OK ist, jedem der übergewichtig ist (dazu wird man auch nicht gezwungen) eine Fresssucht zu attestieren, ist es eben auch nicht OK, jedem mit einem Motorrad zu unterstellen, er ist ein „krawallmachender Kamikazebiker“.

Da zieht er von dannen, der Krawallkamikaze

Natürlich kann ich auch die Anwohner verstehen. Auch wenn oft das Argument „ja ihr hättet da ja nicht hinziehen müssen“ kommt, ist es eben oft so, dass das Haus geerbt wurde oder die Leute da einfach schon seit 40 Jahren drin leben. Wenn das vor 30 Jahren noch eine Holperpiste war, auf der Motorradfahrer nur gefahren sind, wenn sie sich mal verfahren haben, kann man ja keinem einen Strick daraus drehen, wenn die Straße 10 Jahre später komplett saniert wird und jetzt nahezu Rennstreckenqualität hat. Sowas spricht sich rum, und zwar schnell. Und ruck-zuck ist aus einer Buckelpiste ein Motorrad-Mekka geworden.

So kann es an beliebten Strecken dann schon mal aussehen

Und natürlich sind ein paar wenige dabei, die Geräusch-technisch den Vogel abschießen. Entfernte DB-Killer, im 1. Gang mit 8.000U/min durchs Dorf, Beschleunigungsorgien am Ortsausgang…. Aber sind wir doch mal ehrlich: diese geistigen Tiefflieger sind die Ausnahme. Man muss sich doch nur mal auf einen Parkplatz an einer beliebten Strecke stellen: von 100 Motorrädern sind vielleicht 2 dabei, die wirklich auffällig sind. 2%! Aber man kennt es ja: wenn man sich nur stark genug auf ein kleines Problem konzentriert, dann wird daraus irgendwann ein großes Problem. Und irgendwann ist das Problem dann der Lebensinhalt. Und mal unter uns Chorknaben: das letzte mal, als ich mich bei einer kurzen Pause fast am Wasser verschluckt hätte, weil es auf einmal sehr laut wurde, war es eine Gruppe Quads, die Fahrverbote und Streckensperrungen ja eh nicht betreffen. Ich will jetzt nicht gegen Quads schimpfen, aber das zeigt die Inkonsequenz bei dem Thema.

Auch ein etwas lauterer Geselle. Allerdings von den Fahrverboten unbeeindruckt.

Generell bin ich kein Freund von Kollektivstrafen. Wenn im Supermarkt vermehrt Dinge geklaut werden, von Männern mit straßenköterblonden Haaren und Bart, und mir dann irgendwann der Zugang zum Supermarkt verwehrt wird, weil ich eben straßenköterblonde Haare habe und einen Bart, und gleichzeitig alle Schwarzhaarigen an mir vorbei in den Supermarkt marschieren, finde ich das nicht gut. Und so verhält es sich eben auch mit Streckensperrungen. Es wird einer ganzen Gruppe das Befahren von Straßen verwehrt, weil sich leider ein paar Grenzdebile daneben benehmen, während andere Verkehrsteilnehmer, von Sportwagen über Quad bis zu LKW, munter weiter diese Straßen nutzen dürfen. Gerechtigkeit sieht anders aus.

Wovon ich allerdings ein Freund bin: verstärkte Verkehrskontrollen! Abmontierter DB Killer? Fahrzeug stillgelegt. Fragwürdige Auspuffanlage, die deutlich zu Laut ist? Fahrzeug stillgelegt. Dem Fahrer fällt ein, dass er den DB-Killer ja zufällig im Rucksack hat? Vorsatz! Fahrzeug stillgelegt, Anzeige! Allerdings ist das natürlich lange nicht so eine bequeme Lösung, wie ein generelles Fahrverbot. Wobei auch das natürlich durchgesetzt und kontrolliert werden will. Aber dafür braucht es nur zwei Beamte, die einem halt die 25€ abnehmen. Keine große Diskussion, die Schilder sind eindeutig, man braucht kein Equipment zur Geräuschmessung oder jemanden der Ahnung hat von dem, was er tut. Die Anwohner fühlen sich ernst genommen und es kommen ein paar Euro in die Staatskasse. Alle haben gewonnen nur die Motorradfahrer halt nicht. Und der 911er Porsche von 1984, der Sonntags den Berg rauf und runter fährt, der hat auch freie Bahn. Wunderbar!

Dieses schöne Gerät bewegt sich wahrscheinlich auch nicht in Zimmerlautstärke fort…

Ein anderer Nebeneffekt von Streckensperrungen: der Motorradverkehr verteilt sich halt einfach anders. Es lässt ja niemand die Kiste stehen, nur weil da ein paar Strecken gesperrt sind. Man kommt meist schon noch da hin wo man hin möchte, mit Umwegen halt. Wir haben also die gleiche Anzahl von Motorrädern, aber weniger Strecken auf denen sie fahren dürfen. Das heißt: irgendwo nimmt der Verkehr an den „Sperrtagen“ zu. Und schon können wir die nächste Streckensperrung trapsen hören und wir drehen uns Munter im Kreis.

Auch im schönen Odenwald… Streckensperrungen an Wochenenden.

Die Diskussion über generelle Fahrverbote an Wochenenden für Motorräder halte ich, mal vom gesetzlichen Kontext ganz abgesehen, für unrealistisch und nicht durchsetzbar. Die Mehrzahl der Motorräder sind einfach Freizeitgeräte, die überwiegend an Wochenenden bewegt werden und die Industrie die da mit dranhängt ist zu mächtig als, dass sich eine regierende Partei da ernsthaft dran wagen würde. Ganz davon abgesehen, dass man diese Fahrverbote dann ja auch flächendeckend durchsetzen müsste. Ich persönlich bin der Meinung, dass diese Idee eher als „Schreckgespenst“ dienen soll, dass man immer mal wieder aus der Schublade ziehen und wild damit herumfuchteln kann. Daneben wirken einzelne Streckensperrungen auch gleich nicht mehr so schlimm und vielleicht arrangiert sich der eine oder andere ja ohne Widerworte mit vereinzelt gesperrten Strecken, weil im Hinterkopf die Angst sitzt: vielleicht darf ich sonst an Wochenenden gar nicht mehr Motorrad fahren. Ein perfider Plan, der in der Form aber durchaus gängig ist. In vielen Bereichen.

Das Schreckgespenst Fahrverbot (Symbolbild)

Jetzt könnte man natürlich meinen, dass diese ganzen Demos der letzten Monate (und die, die noch kommen), quasi viel Lärm um Nichts sind. Aber weit gefehlt! Auch wenn ich generelle Fahrverbote nicht für realistisch halte (OK, Trump als Präsident der USA habe ich auch nicht für realistisch gehalten…), so ist es meiner Meinung nach wichtig, Präsenz zu zeigen. Einfach damit die Politik sieht: Oh, das sind ja mehr als wir dachten! Und die allermeisten davon gehen Wählen! Vielleicht sollten wir Vorstöße in diese Richtung etwas bedächtiger angehen. Und ich muss zugeben: eine der ersten Demos auf denen ich war (in Aschaffenburg), hat mich von der Teilnehmerzahl wirklich umgehauen. Ich dachte wir stehen da halt mit 50 Leuten auf einem Parkplatz rum, spulen da unser Programm ab und am nächsten Tag macht sich irgendein Lokalblatt lustig über uns… aber es kam ganz anders. Es waren hunderte Motorräder! Überwältigend!

Und daran sieht man: Das Thema bewegt die Leute. Für viele ist Motorrad fahren eine Leidenschaft, die ihnen sehr am Herzen liegt. Eine flucht aus dem Alltag, um den Kopf freizubekommen, weil man beim Motorrad fahren gar nicht die Kapazitäten frei hat um sich von den ganzen kleinen Alltagssorgen und Gedanken das Hirn zermatern zu lassen. Und diese Leidenschaft zieht sich durch die komplette Gesellschaft: vom Maurer über den Arzt, über den Banker und den Schreiner bis hin zum Polizisten und Politiker. Und das zu zeigen ist eben so wichtig. Einfach weil in den Köpfen vieler, der typische Motorradfahrer entweder ein böser Rocker ist oder in krawallmachender Kamikazebiker.


Ein Verein, der sich erfolgreich gegen Streckensperrungen etc. einsetzt, ist übrigens der Bundesverband der Motorradfahrer e. V. (BVDM). Wer das gut findet und vielleicht unterstützend tätig werden möchte: es gibt die Möglichkeit zu spenden oder Mitglied zu werden. Der Verein bietet auch zahlreiche Fahrtrainings an, vorbeischauen lohnt sich!

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