Muss man heutzutage Motorradreifen noch einfahren?

Da wir hier nicht viel auf einen dramatischen Spannungsaufbau geben: Ja, auch im Jahr 2026 sollte man Motorradreifen noch gezielt einfahren. Warum es auch heute noch eine gute Idee ist, frisch aufgezogene Motorradreifen einzufahren und wie man das im Idealfall macht, erfahrt ihr hier.

Warum einfahren?

Wenn Reifen hergestellt werden, wird meist ein Trennmittel auf die Werkzeuge aufgetragen, die dem Reifen seine endgültige Form geben. Das sorgt dafür, dass sich der Reifen besser aus der Form löst. Da Rückstände von diesem Trennmittel auf dem Reifen verbleiben sorgt es aber auch dafür, dass die Haftung zwischen Reifen und Asphalt reduziert wird.

Dazu kommt, dass beim Montieren auf die Felge Reifenmontagepaste zum Einsatz kommt, damit der Reifen leichter über die Felge rutscht. Auch davon können Rückstände auf dem Reifen haften bleiben und den Grip verringern.

Neue Reifen haben auch eine sehr glatte Oberfläche, die es dem Reifen erschwert, sich mit dem Asphalt zu verzahnen. Erst wenn diese Oberfläche etwas eingefahren und angeraut ist, haben wir die volle mechanische Haftung auf dem Asphalt.

Wie sollte man Reifen einfahren?

Vor allem bewusst. Zum einen wird sich das Fahrverhalten spürbar ändern, wenn man von abgefahrenen Reifen auf neue Reifen wechselt. Die ersten Kilometer können sich ungewohnt anfühlen. Je nach Reifen auch etwas „kippelig“. Aber alles kein Problem, alles normal. Da die alten Reifen langsam verschlissen sind, bekommt man von der Veränderung des Fahrverhaltens in der Regel nichts mit. Der Umstieg auf neue Reifen kommt plötzlich und deshalb bemerkt man den Unterschied direkt.

Zum anderen wirken sich die oben angesprochenen Punkte auf den Grip des Reifens aus. Alles kein Problem so lange man es die ersten Kilometer ruhig angehen lässt. Man sollte die Reifen aber auf keinen Fall direkt in den Grenzbereich bringen. Unser Kammscher Kreis hat jetzt sozusagen einen kleineren Durchmesser, den wir erst Stück für Stück wieder auf seine volle Größe bringen müssen.

Man nimmt sich also im Idealfall eine Strecke, die man gut kennt (Kurventechnisch sollte natürlich was geboten sein, damit man alle Szenarien abdecken kann) und tastet sich langsam ran. Zunächst mal moderate Schräglagen und Beschleunigungen (positive wie negative, besonders bei Motorrädern ohne ABS und Traktionskontrolle wichtig).

Wenn der mittlere Bereich dann nach einigen Kilometern (20 – 25 sollten genügen) seinen Erstkontakt mit dem Asphalt absolviert hat, kann man sich langsam um die Flanken kümmern und die Schräglage über die 30° hinaus treiben. Die Steigerung behutsam vornehmen und erst mal durch die Kurven rollen, ohne starkes abbremsen oder beschleunigen. Zwischendrin ruhig mal anhalten und die Reifen begutachten. Man erkennt ja zum Glück recht gut, wo der Reifen schon Straßenkontakt hatte und wo nicht und wie angeraut der Reifen schon ist.

Vor und nach dem Einfahren

Und so tastet man sich langsam ran, bis der Reifen überall mal Asphalt gesehen hat. Es ist wichtig, diesen Vorgang bewusst durchzuführen, damit man später keine bösen Überraschungen erlebt, wenn es doch mal sportlicher wird oder man in Situationen kommt, die den Reifen in den Grenzbereich bringen. Denn gerade die Kombination Schräglage und Beschleunigen/Verzögern verlangt dem Reifen einiges ab. Und auch wenn moderne Reifen viel mehr können als man erwarten würde, wenn diese nicht eingefahren sind ist deren Performance stark limitiert.

Wenn man dieses Ritual durch hat, ist man aber schon mal aus dem gröbsten raus. Bei mir sind das meist ca. 40-60 km die dieses Prozedere braucht. Auf den folgenden 200 – 500 Kilometern (je nach Fahrstil) wird die Reifenperformance nochmal ein paar Prozentpunkte besser, aber den dramatischen Teil haben wir hinter uns.

Was ich persönlich noch mache (da gehen die Meinungen aber auseinander): Ich wische neue Reifen direkt bevor ich sie einfahre mit einem Tuch und Bremsenreiniger ein mal komplett ab. Das sorgt einfach dafür, dass zumindest grobe Fett- und Trennmittelrückstände entfernt sind. Gerade bei der Montage des Reifens und beim Einbau der Felgen ins Motorrad, kann es doch mal passieren, dass der Reifen mit Fett, Öl etc. in Berührung kommt.

Fazit

Ja, auch im Jahr 2026 ist man gut beraten, neue Reifen einzufahren. Ganz bewusst und gewissenhaft. Damit es später keine bösen Überraschungen gibt.

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