Corona und Motorrad – eine Gewissensfrage?

Corona. Das Thema, welches uns seit über einem Jahr fest im Griff hat. Kein Tag ohne Corona News, Fallzahlen, Inzidenzwerte oder neue Lockdown-Ideen und Beschlüsse. Zum Glück betrifft das unser liebstes Hobby, das Motorrad fahren, nicht. Oder vielleicht doch?

Gehen wir ziemlich genau ein Jahr zurück. Steigende Fallzahlen. Erster Lockdown. Bayern, der Hardliner unter den Bundesländern, verhängt eine Ausgangssperre. Ohne triftigen Grund soll man sein Haus nicht mehr verlassen. Triftige Gründe sind unter anderem der heilige Weg zur Arbeit, körperliche Betätigung im Freien aka „Spazierengehen“, und der Weg zum Supermarkt seines Vertrauens. Motorradfahren fiel nicht unter „triftiger Grund“. Dabei wissen wir alle, wie wichtig Motorradfahren für die seelische Gesundheit ist! Aber gut, es ist wie so oft: Wer das noch nie gemacht hat, der weiß das natürlich nicht und ist auch nicht besonders empfänglich für Erklärungsversuche. Und der Söder Markus hatte zu dieser Zeit auch ganz andere Probleme, als sich mit dieser Randgruppe „Motorradfahrer“ zu beschäftigen.

Vorbildlich!

Aber auch Menschen, die nicht in Bayern wohnhaft waren, fingen auf einmal an, an das Gewissen derer zu appellieren, die noch fahren durften. Sätze wie „wenn euch was passiert, dann belegt ihr einen wichtigen Intensivstationsplatz“ und „wenn sich ein Sanitäter bei euch ansteckt und das dann ins Krankenhaus schleppt“ wurden gerne kopiert, geteilt, geliked und zitiert. Klar, moralisch war man da ja auf der sicheren Seite. Macht man erst mal nichts falsch mit und viel Beifall und Kopfgetätschel gibt es gratis obendrauf. Da schläft man Abends direkt viel zufriedener ein. Einige von den Prediger:innen hatten selbst ein Motorrad und waren mit dieser Selbstkasteiung nur einen Steinwurf vom Märtyrertum und der Heiligsprechung entfernt. Gut, bei vielen ging dieser Plan nicht richtig auf, denn der gute Vorsatz hielt genau 2 Wochen durch, dann wurde der eigene Arsch wieder aufs Motorrad gewuchtet und man ist „ganz besonders vorsichtig“ gefahren. Extra wegen Corona! Wirklich tolle Menschen!

Aber gehen wir das doch mal systematisch an. Ist der verzicht aufs Motorrad fahren während einer Pandemie „der heiße Scheiß“, mit dem man auch 20 Jahre danach noch als „Onkel Kevin, der damals ja so viel geopfert hat“ oder als „Tante Tina, die sich damals ja zum Schutz der Anderen im Keller eingemauert hat“, der Hit auf jeder Familienfeier ist?

„wenn euch was passiert, dann belegt ihr einen wichtigen Intensivstationsplatz“

Ja, stimmt. Wenn ich schwer stürze und ich auf die Intensivstation komme, dann haben wir einen freien Platz auf der Intensivstation weniger. Gut gerechnet. Gegen so einfache Mathematik kommt man nur schwer mit Argumenten an. Der Fakt, dass auf vielen Intensivstationen tote Hose war und sich die Chirurgen gelangweilt haben (alle nicht absolut notwendigen Operationen wurden abgesagt), das konnte ja vorher keiner ahnen. Wenn man sich aber mal eine halbe Stunde mit dem Thema „Unfallstatistik“ beschäftigt, kommt man auch recht flott zu der Erkenntnis, dass der Anteil der schwerverletzten Motorradfahrer lediglich knapp 20% der Gesamtschwerverletzen Verkehrsteilnehmer ausmacht.

Den Aufruf, kein Fahrrad mehr zu fahren und bitte auch das Auto stehenzulassen, den muss ich wohl verpasst haben. Denn der Absatz von Fahrrädern inklusive E-bikes hat 2020 deutlich zugenommen.

„wenn sich ein Sanitäter bei euch ansteckt und das dann ins Krankenhaus schleppt!“

Aber malen wir den Teufel mal nicht an die Wand. Nicht jeder der mit dem Motorrad stürzt, kommt auf die Intensivstation. Aber auch bei einem nicht so schweren Unfall haben wir ja noch immer die Gefahr, dass sich die Rettungskräfte bei uns Anstecken. Also… insofern der verunglückte Corona hat. Auch das stimmt natürlich, aber auch hier gilt wieder: dann muss man sich leider im Keller einsperren. Die alte Weisheit „die meisten Unfälle passieren in den eigenen vier Wänden“ ist nicht nur so daher gesagt. Wenn man sich die Zahlen mal vor Augen führt, dann kommt man unweigerlich zu dem Schluss: das was wir unser „Zuhause“ nennen, will uns eigentlich umbringen. Und verdammt! Es hat erstaunlich oft Erfolg damit! Gut, Onkel Willi, der „nur mal eben Schnell“ im Garten mit seiner brandneuen Kettensäge einen Baum fällen will, oder Tante Irmgard, die auf der kippeligen Leiter den Kronleuchter abstaubt (man hat ja im Lockdown viel Zeit für sowas) machen es der „Todesfalle Eigenheim“ natürlich auch besonders leicht. Da kann man dann nur von Glück reden, wenn die erst 5 Tage später gefunden werden (Besuche sind in diesen Zeiten ja eher selten) und somit keinen Sanitäter anstecken oder einen Platz auf der Intensivstation belegen.

Quelle: https://www.dekra-solutions.com/2016/06/4332/

„also wenn, dann fahre ich nur eine kleine runde und das dann aber extra vorsichtig!“

Das ist mein Liebling, der oft ein paar Tage vor dem kompletten über Board werfen der guten Vorsätze kommt. „Ich fahre jetzt zwar Motorrad, aber ich fahre natürlich extra vorsichtig“. Klar! Weil man ja sonst so fährt, dass die Chancen, in einem Stück wieder Zuhause anzukommen (sofern man das überhaupt möchte, siehe oben), so ca. 50/50 liegen. Alte(r) Draufgänger:in! Vielleicht bin ich in dem Punkt ja komisch, aber ich persönlich habe eigentlich immer vor, nach der Motorrad Tour genauso lebendig und vollständig zu sein, wie davor. Also fahre ich immer so, dass ich dieses Ziel möglichst erreiche. Ich persönlich bin zumindest noch nie morgens aufgestanden, hab mich mit meiner Kaffeetasse ans Fenster gestellt und mir gedacht: „ja… Also heute fahre ich mal so, dass ich Abends vielleicht schwer verletzt bin. Ja, das ist eine gute Idee!“.


Man darf mich hier jetzt nicht falsch verstehen. Wenn jemand für sich beschließt, kein unnötiges Risiko einzugehen, dann ist das in erster Linie mal seine Sache und da gibt es gar nichts dran zu meckern. Was mich aber stört: dieses Propagieren des eigenen Handelns und dieses als der Weisheit letzter Schluss zu vermarkten. Vor allem in den sozialen Medien, für die Likes und das Kopfgetätschel. Wer in Pandemiezeiten Motorrad fahren will (und darf) soll das tun, wer das nicht machen will, soll es bleiben lassen. Nach einem Jahr Corona dürften aber viele so weit sein, dass man nicht auf noch mehr verzichten möchte, was einem Spaß macht. Und wenn jemandem Motorrad fahren hilft, geistig gesund durch diese Zeiten zu kommen, dann soll der das bitte mit gutem Gewissen tun. Ganz ohne das madig quatschen von einigen selbsternannten Moralaposteln. Auf einer normalen Runde Motorradfahren hat man, wenn man den Tankautomaten nutzt, exakt NULL Kontakt zu anderen Menschen. Pandemietechnisch gesehen also wesentlich besser als der Weg zur Arbeit, einkaufen gehen oder die fahrt mit Bus und Bahn. Klar, an den einschlägig bekannten Plätzen, dicht gedrängt die unmaskierten Köpfe zusammenstecken, sollte man lassen, aber das sagt einem ja schon der gesunde Menschenverstand.

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