Moto Stereotypen: Kostümball

Büro-Job, (nicht selbst) gebügelte Hemden, schicke Schuhe und am wohlsten fühlt er sich, wenn alles exakt nach Vorschrift und Protokoll läuft. Einzig der gepflegte Bart (alle zwei Wochen zum Barbier muss schon sein) ist Ausdruck des Rebellen, der tief drinnen schlummert. Generell wird Konfrontationen eher aus dem Weg gegangen und die aufgestaute Wut, weil man ja in der Regel alles brav schluckt, was einem hingeschmissen wird, bekommen maximal die Frau und die Kinder ab.

Zumindest die meiste Zeit der Woche. Denn ab und zu wird sich verkleidet. T-Shirt von irgendeiner Band, die man 1982 von sehr weit hinten mal live gesehen hat, Lederkutte und das pausbäckige Gesicht weicht dem bösen Gesichtsausdruck eines richtig harten Kerls. Dann wird sich auf sein Motorrad geschwungen (vorzugsweise Harley, wenn es die Finanzierung denn zulässt) und aus Achim, dem netten Sachbearbeiter, der hier und da mal zu oft ins Glas mit dem Gummibärchen greift, wird Achim, der böse Rocker.

Bald man in black leather vest and skull necklace standing with arms crossed
Also wer da keine Angst bekommt…

Es ist ein bisschen wie Karneval, nur dass es etwas öfter vorkommt pro Jahr und auch deutlich lächerlicher ist. Die Mundwinkel sind unter dem Jethelm stets nach unten gerichtet, die verspiegelte Sonnenbrille verdeckt die kleinen Schweinsäuglein. Wer Achim nicht kennt, könnte sich tatsächlich kurz erschrecken.

Böse Tattoos hat Achim, wenn überhaupt, nur ganz kleine und an Stellen, die sein Chef nicht sieht. Er hat schonmal mit dem Gedanken gespielt, ob Klebetattoos was für ihn wären, aber er hat eh schon so empfindliche Haut.

Man sagt ja, Kleider machen Leute und auch bei Achim zeigt das seine Wirkung. Wenn sich Achim in sein Kostüm wirft, verändert sich direkt sein Gang. Als ob sein Lederwestchen ihm das Rückgrat verleiht, was ihm im Alltag so oft fehlt. Was ihn natürlich verrät sind die zu sauberen Motorrad-Klamotten und ein Fahrstil, der direkt erkennen lässt: viel mehr 1.000 Kilometer im Jahr wird er mit dem Hobel nicht auf den Tacho bekommen. Und das ist Achim auch ganz recht, denn in seinem Hirn kratzt ständig das Wort „Wiederverkaufwert„. Immerhin hat der Hobel 28.000 € gekostet und 25.000 € gehören noch der Bank.

Gefahren wird eh nur im Frühling oder im Herbst. Denn alles unter 18 °C ist zu kalt und über 24 °C schwitzt Achim ganz fies. Da wird dann lieber der Weber-Grill mit dem billig Fleisch aus der Bückzone von Aldi bestückt. Da schwitzt Achim zwar auch, aber wenigstens kann er dabei Bier trinken und die kurzen Hosen rausholen.

Man wearing a red and white checkered apron grilling burgers, sausages, and vegetable skewers on a charcoal grill outdoors
Ohne Verkleidung wirkt Achim ganz handzahm

Am liebsten ist es Achim, wenn die Leute um ihn herum vermuten, dass er zu einem dieser Bösen Motorradclubs gehört. Von sich behaupten würde er das aber nie, denn da hat er zu viel Angst, dass es vielleicht mal einer von den wirklich bösen Jungs hört und Achim danach eine intensive Beziehung mit seinem Zahnarzt aufbauen kann. Deshalb beschränkt sich Achim darauf böse zu guggen und sich in Schweigen zu hüllen. Hier und da ein Grunzen am Bikertreff muss auch ausreichen.

Mindestens ein mal im Jahr wird auch die nächste Louis-Filiale aufgesucht, um sich mit neuen Verkleidungsutensilien einzudecken. Die alten sind etwas zu stramm geworden um die Körpermitte und außerdem findet sich auch immer eine nette Dame (von einem Herren würde er sich nicht beraten lassen, er ist ja schließlich nicht schwul), die sich mit ihm beschäftigen muss, weil sie dafür bezahlt wird, nett zu Kunden zu sein. Achim zwängt sich dann in ein paar Motorrad Jeans und macht zotige Bemerkungen, warum die Hose im Schritt so eng sitzt. Das T-Shirt mit dem viel zu langen Spruch vom Wühltisch muss natürlich auch noch mit. Für 9,99 € kann man ja quasi nichts falsch machen und im Whatsapp-Status macht sich das bestimmt total super.

Direkt aus der Hölle….

Wenn das sonnige Wochenende Ende April dann vorbei ist, wackelt Achim Montags wieder zu seinem Büro-Job als Sachbearbeiter. Und während er sich von seinem Vorgesetzten wieder behandeln lässt wie Dreck, schwelgt er in den schönen Erinnerungen vom letzten Kostümball. Denn er ist sich ganz sicher: die Dame aus dem Louis-Store, die stand auf ihn.

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